Fotos: Klaus Botta und Markus Herrig
Text: Klaus Botta

„Unser Leben ist kompliziert geworden“.

Diese Erkenntnis ist nicht ganz neu. Auch die Vorhersage, dass dieser Trend weiter ungebremst anhält, wird kaum jemanden überraschen. Stress und Überforderung sind zu allgegenwärtigen Herausforderungen geworden. Dieser Trend betrifft nicht mehr nur die Bewohner kosmopoliter Großstädte, sondern gilt mehr oder weniger für die gesamte industrialisierte Welt.

Die wesentlichen Triebfedern dieser Entwicklung sind der technische Fortschritt im Allgemeinen und die globale Vernetzung im Besonderen. Das zeigt sich vor allem im internationalen Warenhandel und im Umgang mit Informationen. „Internet und Digitalisierung“ sind hier die Schlagworte.

New York City

Das weltweite Wissen verdoppelt sich mittlerweile alle 2 Jahre.

Vor 10 Jahren lag die Zeitspanne der Wissensverdopplung noch bei 5 bis 7 Jahren.

Diese exponentielle Zunahme an Information und Beschleunigung der Innovation bleibt für niemanden folgenfrei.

Wenn Sie über 40 Jahre alt sind, können Sie sich noch an deutlich ruhigere und überschaubarere Zeiten erinnern. Aber auch jüngere Menschen klagen zunehmend über Stress durch Reizüberflutung und ständigem Entscheidungszwang.

Den Begriff „Burnout“ gibt es zwar erst seit etwa 30 Jahren, aber jeder kennt ihn heutzutage – viele sogar aus eigener leidvoller Erfahrung.

Wie soll man nun angemessen mit diesem Phänomen der allgemeinen Verkomplizierung umgehen, wenn man ihm schon nicht entgehen kann? Früher oder später stellt sich wohl jeder diese Frage, besonders wenn er oder sie im Beruf steht oder eine Familie managt.

Ein praktikabler Ausweg kann eine sinnvolle Beschränkung auf die wirklich wesentlichen Dinge des Lebens sein.

Stress entsteht nämlich unter anderem durch unkritischen Konsum von Medien oder Waren.

Ein erster wirksamer Schritt in puncto Medienkonsum könnte sein, nicht jedem Massentrend hinterher zu laufen, nicht sofort jede eingehende Email zu lesen, nicht ständig und überall auf sozialen Netzwerken präsent zu sein. Aber auch regelmäßiges Nachrichten-Sehen oder -Hören erhöht den Distress, weil diese Medien primär die Einfalltore für negative Informationen sind.

Wer ständig auf dem aktuellen Stand der gesammelten Probleme dieser Welt ist, sollte sich nicht wundern, wenn seine Stimmung und seine Zukunftsperspektive negativer werden. Dabei ist eindeutig nachgewiesen, dass die Welt im Allgemeinen kontinuierlich positiver wird (Buchempfehlung: Matthias Horx „Anleitung zum Zukunftsoptimismus“). Denn auch die Nachrichtendienste sind leistungsfähiger geworden und verbreiten ihre Negativnews umfassender, schneller und effektiver.

Warenkonsums

Im Fall des Warenkonsums kann es helfen, konsequent darüber nachzudenken, ob die eine oder andere Neuanschaffung das Leben tatsächlich angenehmer macht – oder aber in Wirklichkeit tatsächlich nur den Alltagsstress erhöht. Denn jede Anschaffung will ausgewählt sein, will besorgt werden, will eingestellt und gewartet werden. Besonders, wenn es sich um technische Produkte handelt, ist dieser Aufwand nicht zu unterschätzen.

Weniger ist tatsächlich oft mehr.

Hässlichkeit verkauft sich schlecht“ war damals in den 50er Jahren die zentrale Erkenntnis des Designers Raymond Loewy.

„Kompliziertheit verkauft sich heutzutage genauso schlecht“

so unsere aktuelle Erfahrung als Entwicklungsbüro für Produktgestaltung und Produktdesign.

Seit der Gründung unseres Designbüros im Jahr 1986 konzipieren und gestalten wir vorwiegend technische Produkte.

Wir kennen die Problematik quasi aus der täglichen Arbeit. Entsprechend sehen wir uns auch in der Verantwortung, die Produktwelt möglichst zu vereinfachen und damit das Leben der Benutzer überschaubarer zu gestalten.

Eine zentrale Erkenntnis aus über 30 Jahren Berufspraxis lautet:

„Umso komplexer technische Produkte strukturiert sind, desto gründlicher und intelligenter müssen sie gestaltet werden, um gut bedienbar zu sein.“

Für den weitsichtigen, bewussteren Teil der Anwender und Konsumenten sind einfach nutzbare Geräte mittlerweile wesentlich attraktiver als hochkomplexe Alleskönner.

Letztendlich liegt es am Kunden, sich für ein hochwertiges, durchdachtes und damit langlebiges Produkt zu entscheiden, anstatt auf ein minderwertiges, kurzlebiges Billigangebot hereinzufallen. Im zweiten Fall sind Stress und Mehraufwand vorprogrammiert.

Verallgemeinernd könnte man es auch so ausdrücken:

„Je komplizierter die Welt, desto größer die Sehnsucht nach Vereinfachung“.

Wohlgemerkt: Das betrifft vorwiegend den bewussteren Teil der Bevölkerung.

BOTTA design UNO Automatik

Ein Beispiel für ein langlebiges Produkt mit dieser Zielsetzung ist die Einzeigeruhr UNO von BOTTA design – eine Armbanduhr, welche die Uhrzeit mit nur einem Zeiger anzeigt – ähnlich einem Messinstrument. Ausreichend genau für den Alltag, aber sehr intuitiv ablesbar.

Die UNO – und damit auch ihr Besitzer – leisten sich bewusst einen humanen Umgang mit der Zeit. Mittlerweile ist unsere Einzeigeruhr auch regelrecht zum Symbol dieser Haltung geworden.

Im Markt sind zwei gegenläufige Trends zu beobachten. Auf der einen Seite gibt es immer mehr billige und kurzlebige Massenartikel. Auf der anderen Seite etablieren sich wiederum Produkte, die sich durch Wertigkeit, Langlebigkeit und vielfach auch durch strukturelle Einfachheit auszeichnen. Ein langfristiger Trend zur Vereinfachung von Bedienstrukturen ist jedoch auch darüber hinaus in vielen anderen Bereichen des Alltags deutlich erkennbar .

„Qualität statt Quantität“

So könnte man diesen zweiten kulturellen Trend überschreiben. Hierbei handelt es sich um eine durchaus begrüßenswerte Entwicklung, denn sie dient gleichermaßen dem Nutzer und der Umwelt.

Wer sich hingegen mit kurzlebigen Wegwerfartikeln umgibt, leistet einen aktiven Beitrag zur Ressourcenverschwendung und Umweltzerstörung.

Basar Istanbul

Aber auch ein weiterer, persönlicher Effekt ist nicht zu unterschätzen:

Wer sich mit minderwertigen Produkten umgibt, schwächt sein Selbstwertgefühl.

Das ist psychologisch einfach erklärbar und auch empirisch nachgewiesen.

Hochwertige Produkte hingegen wirken sich in der Regel positiv auf den Selbstwert aus. Zumindest, wenn sie bewusst ausgewählt und sinnvoll genutzt werden.

Die Reduktion von Konsum auf ein sinnvolles Maß ist erwiesenermaßen ein probates Mittel, Stress zu mindern und die eigene Zufriedenheit zu steigern.

Zusammenfassend zwei konkrete Empfehlungen zur Reduktion von Alltagsstress:

  1. Gehen Sie „Informations-Spamming“ aus dem Weg und vermeiden Sie Negativnachrichten, die nicht direkt mit Ihrem Leben zu tun haben, oder auf die Sie ohnehin keinen Einfluss haben.
  2. Kaufen Sie möglichst wenig, aber möglichst wertig.
Herbst

Author Klaus Botta

Klaus Botta (* 21. Mai 1959 in Bamberg) ist ein deutscher Industriedesigner. Bekanntheit erlangte er durch die Entwicklung der Einzeiger-Armbanduhr und löste einen Trend aus, dem weitere Einzeiger-Modelle von anderen Herstellern folgten.

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Join the discussion 4 Beiträge

  • Gerhard Müller sagt:

    Sie sprechen mir aus der Seele. Gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit erlebt und erleidet man diesen “Konsumwahnsinn” täglich. Weihnachten ist vom christlichen Fest der Besinnung und Nächstenliebe zur Konsumschlacht mit Wettkampfcharakter geworden.
    Ich gebe Ihnen auch Recht, dass man kritischer mit dem Angebot an Medien umgehen sollte. Gerade die täglichen Nachrichten versorgen einen regelmäßig mit Problemen die man bis dahin noch nicht hatte.
    Es ist auf alle Fälle gut, hin und wieder daran erinnert zu werden, seine Lebensgewohnheiten zu überdenken. Von daher gefällt mir Ihr Artikel wirklich gut. Ihre Uhren übrigens auch. Man merkt, Sie leben Ihre Philosophie.

  • Eva K. sagt:

    Hallo Herr Botta,
    Ein toller Artikel zu einem Thema, das uns wohl alle beschäftigt. Je älter man wird, je mehr man versteht, umso mehr will man Überfüssiges loswerden. Und nur von einigen wenigen, wertigen Dingen umgeben sein. Beim Blick auf die Uhr, viele Male am Tag, ist die UNO wie eine Entspannungsinsel im Alltag. Schön, präzise, schlicht und ergreifend. Für mich die richtige Wahl!

  • Alexander Neumann sagt:

    Lieber Herr Botta, ich freue mich immer auf Ihre Artikel und auch dieser bietet wieder interessante Gedanken und Anregungen. Kompliziert ist lästig, einfach ist lustig. Und um zum Einfachen zu gelangen, braucht es oft einen komplizierten Weg. Verbindliche Grüße aus Salzburg, Ihr Alexander Neumann

    • Klaus Botta sagt:

      “Um zum Einfachen zu kommen, braucht es oft einen langen Weg” schreiben Sie.
      Genau so ist es auch. Hinter überzeugend einfachen Lösungen steckt oft sehr sehr viel Entwicklungsarbeit. Aber diese Investition zahlt sich aus, denn durchdachte, logische Lösungen machen das Leben (der Nutzer) langfristig einfacher.

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