Design im Dienst der gestalterischen Klarheit

Vor genau 100 Jahren wurde in Weimar das legendäre BAUHAUS als interdisziplinäre Gestaltungsschule und Forschungseinrichtung gegründet. Die dort entwickelte Gestaltungslehre hat die Welt, in der wir leben, nachhaltig beeinflusst. Vom Geist des Bauhaus inspirierte Bauwerke, Möbel oder Gegenstände des täglichen Gebrauchs sind überall vertreten.

Gerade jetzt im Bauhausjahr 2019 entsteht beinahe der Eindruck, dass jeder zweite Hersteller einen historischen Bezug zu dieser Institution hat. Einer fundierten Überprüfung nach Bauhaus-Kriterien halten allerdings die wenigsten Produkte wirklich stand, so Designer Klaus Botta, der als Absolvent der HfG Offenbach selbst die Grundideen des Bauhaus fortführt. Für ihn haben die Grundwerte des Bauhaus auch heute noch Bestand, müssen allerdings den Gegebenheiten der Gegenwart anpasst werden.

Er hat den Begriff des „genetischen Designs“ als Antwort auf die komplexen Anforderungen moderner Märkte geprägt. In seiner Gestaltungsphilosophie geht er noch gezielter auf die Motive des Nutzers ein. Der Produktdesigner Botta plädiert dafür, in der sehr frühen Phase der Produktdefinition – der genetischen Phase – das Produktdesign als interdisziplinären Bereich zu integrieren und damit gestalterische Maßanfertigungen für Unternehmen zu entwickeln, um einen echten Mehrwert gegenüber dem aktuellen Angebot zu schaffen. 

Das Bauhaus – ein Rückblick

Das Bauhaus gilt als Ursprung der klassischen Moderne in Kunst und Architektur. Es wurde vom Architekten Walter Gropius 1919 als Lehreinrichtung in Weimar gegründet. Begabte junge Menschen sollten Disziplinen wie Architektur, Kunst und Handwerk zu einer symbiotischen Einheit zusammenbringen. Neben der reinen Lehre spielten Experimente und die Forschung eine zentrale Rolle.

Am Bauhaus lehrten Architekten und Künstler aus vielen europäischen Ländern, unter ihnen wirkten hier Ludwig Mies van der Rohe, Paul Klee, Wassily Kandinsky und Oskar Schlemmer. Auch die Schüler bildeten eine internationale künstlerische Avantgarde.

Wassily Kandinsky – Komposition VIII, 1923, Solomon R. Guggenheim Museum, New York
Wassily Kandinsky – Komposition VIII, 1923, Solomon R. Guggenheim Museum, New York
Foto: Wikimedia

Nach dem Umzug des Bauhaus 1925 nach Dessau wandelte sich die ursprünglich künstlerische Ausprägung in eine mehr technisch praktische Richtung. Das Bauhaus verstand sich als aufklärerische Gegenbewegung zu dem damals herrschenden Stil-Wirrwarr. Architektur und Formgebung waren deutlich geprägt vom noch weit verbreiteten verspielten und ornamentalen Jugendstil bzw. dem Art Deco und der Formvielfalt früherer Epochen.

Zimmerbild von Eduard Gärtner (Viktorianische Zeit)
Zimmerbild von Eduard Gärtner (Viktorianische Zeit)

Besonders der zweite Leiter des Bauhaus, Hannes Meyer, prägte die typisch funktionalistisch technische Ausrichtung der Lehr- und Forschungsanstalt. Kennzeichnend für die neue Gestaltungsrichtung war eine strenge Klarheit in der Formgebung verbunden mit einem sozialem Anspruch. Der Mensch sollte im Mittelpunkt stehen, nicht das mit Ornamenten überzogene Produkt oder der mit Details überladene Raum. 

Bauhaus Dessau

Auch der dritte Leiter des Bauhaus, der Architekt Ludwig Mies van der Rohe, baute die pragmatisch, funktionale Gestaltungsrichtung weiter aus. Er förderte eine Ästhetik der Architektur ohne Umschweife.

Neben der Abkehr von der Ornamentik sorgte ein weiteres epochales Phänomen der damaligen Zeit für eine sogartige Nachfrage nach Gestaltung: Die fortschreitende Industrialisierung. Während Produkte bis dahin vorwiegend von Handwerkern als Einzelstücke gefertigt wurden, brachte die industrielle Produktion Waren hervor, die massenweise produziert wurden und einander glichen, wie ein Ei dem anderen. Die industrielle Massenproduktion sorgte für ein gestalterisches Vakuum. Mit den neuen technischen Möglichkeiten kam die Frage nach einer sinnvollen Formgebung auf. Neue Fertigungsverfahren ermöglichten neue Formen und damit eine neue Produktsprache. 

Die entstandene Nachfrage füllten die Lehrer und Schüler des Bauhaus. Sie entwickelten eine neue, betont zweckorientierte Gestaltungsrichtung, die üblicherweise auch mit dem Begriff „Funktionalismus“ umschrieben wird. In dieser zweiten Phase entstanden viele für das Bauhaus typische Einrichtungsgegenstände, wie die Stahlrohrmöbel von Marcel Breuer, Gebrauchsgüter, aber auch prägende architektonische Bauwerke, wie die „Volkswohnung“ oder die “Laubenganghäuser” in der Experimentalsiedlung Dessau-Törten von Hannes Meyer.

1933 wurde das Bauhaus aus politischen und wirtschaftlichen Gründen aufgelöst.

20 Jahre später gründeten Max Bill, Inge Aicher-Scholl und Otl Aicher die „Hochschule für Gestaltung“ in Ulm. Sie führt die Philosophie und Gestaltungslehre des Bauhaus als sogenanntes „Ulmer Modell“ fort und entwickelt es bis 1968 weiter.

Die Ulmer Schule brachte eine Vielzahl an prägenden Produkten hervor, aber auch viele namhafte Gestalterpersönlichkeiten, die die Designlandschaft und Industriekultur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts maßgeblich prägten.

Hochschule für Gestaltung (HfG) Ulm
Hochschule für Gestaltung (HfG) Ulm
Foto: Wikimedia

Mit der „Hochschule für Gestaltung (HFG) Offenbach“ wurde 1970 aus der damaligen Werkkunstschule Offenbach die dritte Institution im Geiste des Bauhaus gegründet. Einige HfG-Ulm Absolventen wie Jochen Groß, Bernhard E. Bürdek, Richard Fischer erweiterten die Lehren von Bauhaus und HfG Ulm und entwickelten den „Offenbacher Ansatz“, der bis heute die Gestaltungslehre an vielen europäischen Designhochschulen prägt. 

Die streng zweck-funktionale Gestaltungsmaxime des Bauhaus wurde um produktsprachliche Funktionen erweitert. Zur „praktischen Funktion“ (welchen Zweck erfüllt ein Produkt?) kamen ästhetische und semantische Funktionen hinzu:

  • Formalästhetik – Die ästhetischen Qualitäten des Produkts
  • Anzeichenfunktion – Die Veranschaulichung der Funktionen von Baugruppen und Bedienelementen
  • Symbolfunktion – Die symbolischen Aussagen, die ein Produkt transportiert
Diagramm Offenbacher Ansatz

Das Bauhaus und seine Designer heute

100 Jahre nach der Gründung des Bauhaus ist der Geist der „Reduktion auf das Wesentliche“ aktueller denn je. Denn nie war die Reizüberflutung größer als heute und nie war die Sehnsucht nach der Vereinfachung unseres täglichen Lebens stärker. 

Dem Ideal des Bauhaus folgend, zeichnet sich das Design von Klaus Botta seit jeher durch konsequente Vereinfachung aus. „Einfachheit ist der wahre Luxus unserer Zeit“ ist eine seiner Kernthesen, nach der er die Komplexität von Produkten intelligent verringert, um mehr Lebensqualität zu erreichen. Ein weiteres Anliegen Bottas ist die materielle und ideelle Langlebigkeit von Produkten. Ein gutes Produkt hält lange und behält seine gestalterische Attraktivität.

Erster Entwurf der Einzeigeruhr UNO 1986
Erster Entwurf der Einzeigeruhr UNO 1986

Besondere Bekanntheit erlangte Designer Klaus Botta mit dem Entwurf der UNO, der ersten modernen Einzeigeruhr. Ausgestattet mit nur einem Zeiger soll die UNO einen entspannten, menschengerechten Umgang mit der Zeit ermöglichen. Ihrem gestalterischen Grundkonzept treu, wird die Uhr seit 1986 gestalterisch nahezu unverändert gebaut und gilt als Designklassiker, der die Uhrenlandschaft um die Dimension der Einzeigeruhren erweitert hat.

Author Klaus Botta

Klaus Botta ist ein deutscher Industriedesigner. Bekanntheit erlangte er durch die Entwicklung der Einzeiger-Armbanduhr und löste damit einen Trend aus, dem andere Hersteller folgten. Bis heute fasziniert ihn der bewusste Umgang mit Zeit. So entstanden viele weitere ungewöhnliche Zeitkonzepte, in denen der Mensch, das Maß der Dinge ist.

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